Lucky oder das Leben ist sooooo schön
Am 2. Februar 2009 hielt ich mich im Taunus bei meiner Schwester auf. Wie schon so oft gingen wir zum ortsansässigen Hofladen. Auf diesem Hof befinden sich immer ein paar Tiere, die gestreichelt werden können. Schon oft war ich da und weil Tiere allgemein mein Herz berühren, begrüße ich immer erst einmal die Tiere bevor ich den Hofladen betrete. So auch an diesem 2. Februar, nur dieses Mal passierte etwas Unvorhergesehenes, ein magischer Moment:
Aus dem hinteren dunklen Stallbereich (ich war da sonst nie) machte ein Schwein überaus lautstark auf sich aufmerksam. Ich hatte den Eindruck, es sagt mir: "Hey, mich gibt es hier auch noch." Ich ging also zu diesem Schwein, berührte es und sah Bilder in mir, wie dieses Schwein über eine Wiese läuft, auch hatte ich das Gefühl, es sagt mir: "Das Leben ist so schön." Lucky (ihr späterer Name), eine ca. 7 Monate alte Sau, hatte zu diesem Zeitpunkt den Niedlichkeitsfaktor eines Ferkels schon längst hinter sich gelassen und ich als Städterin hatte bis zu diesem Zeitpunkt null Interesse für Schweine. Irritiert ging ich in den Hofladen, als ich an der Wursttheke vorbei kam, hatte ich den Gedanken: "Dieses Schwein kann nicht zu Wurst verarbeitet werden."
Ich erzählte von dem Erlebnis erst einmal niemanden. Ich kenne es, dass mich Dinge berühren, jedoch löst sich dieses Berührtsein normalerweise nach ein paar Stunden wieder auf. Dieses Mal war es anders. Tage später, in Braunschweig wieder angekommen, war dieses Schwein immer noch in meinen Gedanken.
Ich wartete noch einmal zwei Tage ab, keine Änderung....................dann gab ich mal vorsichtig das Wort "Schwein" im Internet ein, ich wusste ja nichts über diese Tiere. Da konnte ich u.a. nachlesen, dass Schweine 12 Jahre alt werden können und sehr intelligente Tiere sind.
Es war alles völlig absurd, aber ich merkte, aus dieser Nummer komme ich nicht mehr so leicht raus.
Und so begann meine Suche nach einem Ort, wo dieses Schwein artgerecht leben kann und vor allem solange es will. Ich entdeckte Gnadenhöfe für Nutztiere und glaubte, dass Lucky eine Banknummer für mich wird. Ich überweise Geld und einmal im Jahr fahre ich sie irgendwo in Deutschland besuchen..............und wieder kam es anders als ich dachte.
Ich fand keinen Platz auf einem Gnadenhof, sondern ich fand einen Bauern ganz in der Nähe von Braunschweig, der seine Schweine artgerecht draußen hält und offen dafür war, ein Schwein zu integrieren, welches nicht geschlachtet wird. Zwischendurch fragte ich mich immer wieder, Claudia was machst du denn eigentlich da, aber als ich mir vorstellte, ich sitze als alte Frau im Park auf einer Bank und denke über mein Leben nach, da sah ich mich lächeln als ich mich als Besitzerin eines Schweines sah.
Besonders tief berührt hat mich der Moment als Lucky das erste Mal "raus" konnte. Wieviele ihrer Vorfahren kannten nur die Enge des Stalls ohne Kontakt zum Wechsel des Wetters? Und nun stand sie da in einem geöffneten Hänger, eine blühende Wiese lag vor ihr mit einer Hütte und einer Suhle, dazu blauer Himmel und Sonne und was machte sie? Sie schaute nur ungläubig und bewegte sich keinen Millimeter.
Gelockt durch eine Möhre, machte sie sich dann doch noch auf den Weg in das Neue, Unbekannte. Kurz wurde eine Blume gekostet, aber dann ging es auch gleich in die Suhle - herrlich. Ja, da war das glückliche Schwein, dass ich gesehen hatte als ich sie das erste Mal berührte.
Eine Freundin kaufte kurz darauf Sönje, einen sanften Eber und so lebte Lucky, wie ich meine, recht zufrieden in einer Schweinegemeinschaft mit Sönje an ihrer Seite.
Voller Erstaunen musste ich feststellen, dass es mir viel Freude machte ab und an meine Zeit auf der Schweinewiese zu verbringen. Aus einer Städterin wurde eine Schweinefreundin.
Am 6. November 2010 schaute mir Lucky beim Abschied ungewöhnlich lange hinterher und ich hatte das Gefühl sie sagt "Danke". Ich merkte etwas war anders, konnte es aber nicht deuten. Zwei Tage später lag Lucky morgens tot in dem Unterschlupf auf ihrem Gelände. Wie es aussah, ist sie plötzlich im Schlaf gestorben.
Es sind nicht wie erwartet gemeinsame 10 bis 12 Jahre geworden, aber ich werde diese Zeit als reine Kostbarkeit in meinem Leben in Erinnerung behalten und wenn das nächste Mal in meinem Leben mich etwas wieder so im Herz berührt und mein Verstand mir gleichzeitig sagt "Ist doch alles Quatsch", werde ich wieder meinem Herzen folgen.